
Gleis der Artenvielfalt
Wie aus einem verlassenen Bahndamm ein besonderer Ort für Natur, Bildung und Begegnung wurde
Wo heute Menschen spazieren, Natur entdecken und Kunst begegnen, war früher einmal Eisenbahngelände. Der alte Bahnkörper am Ortseingang von Schaephuysen lag lange Zeit weitgehend ungenutzt da. Für unseren Verein sollte daraus jedoch mehr werden: ein Weg zum ehemaligen Trafoturm und gleichzeitig ein besonderer Ort für
Artenschutz, Umweltbildung und Begegnung.
Die Geschichte des Gleises der Artenvielfalt begann dabei schon lange vor dem eigentlichen Ausbau.
Eine Idee, die lange auf ihre Chance wartete
Bereits
2009 suchte
Michael Sonfeld nach einer geeigneten Zuwegung zum Trafoturm. Die naheliegende Idee, einen einfachen Mulchweg entlang der Gleise anzulegen, scheiterte zunächst an den naturschutzrechtlichen Vorgaben. Der Bahnkörper liegt in einem Landschaftsschutzgebiet und die Untere Naturschutzbehörde lehnte einen solchen Weg zunächst ab.
Was zunächst wie das Ende der Idee aussah, wurde schließlich zum Anfang von etwas Größerem.
Denn der alte Bahnkörper bot selbst besondere ökologische Chancen. Das Prinzip
„Natur auf Zeit“ zeigte, dass auch ein scheinbar aufgegebener und verwilderter Ort wertvolle Lebensräume entwickeln kann. Die Herausforderung bestand darin, diesen Naturraum zugänglich zu machen, ohne seinen ökologischen Wert zu zerstören.
Die entscheidende Idee kam schließlich durch den
Verband Artenschutz in Franken (AiF): Aus dem alten Bahnkörper sollte ein besonderer Lern- und Erlebnisort für den Artenschutz entstehen.
Mit einer erneuten Bewerbung gelang es, Fördermittel für die
„Gleise der Artenvielfalt“ einzuwerben. Damit war der Grundstein für ein Projekt gelegt, das später ein wichtiger Bestandteil des
Wandelwegs der Artenvielfalt werden sollte.
Viele Menschen – ein gemeinsames Projekt
Als Projektpartner war der
Verein für Gartenkultur und Heimatpflege Schaephuysen e.V.
schnell gefunden. Gemeinsam mit
Schaephuysen Heimspiel e.V. entstand unter Federführung des VfGuH ein Gesamtkonzept.
Doch bevor überhaupt der erste Schotter eingebaut werden konnte, mussten zahlreiche Fragen geklärt werden.

Michael Sonfeld führte gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister
Klaus Kleinenkuhnen Gespräche über Grundstücksnutzungen und Gestattungen. Dabei ging es unter anderem um Vereinbarungen mit der
NIAG, den Grundstücksnachbarn
Walz sowie der
Landwirtsfamilie Born.
Die NIAG erteilte schließlich eine
unbefristete Gestattung zur Nutzung des ehemaligen Bahnkörpers.
Ein Umweltgutachten wurde erstellt und die notwendige Genehmigung nach dem Landschaftsrecht beim
Kreis Kleve eingeholt.
Auch ganz praktische Fragen mussten gelöst werden: Auf der Rayener Straße wurde ein Tempolimit eingerichtet, mit dem Grundstücksnachbarn Walz konnte die Bewässerung geklärt werden und die
Familie Born legte parallel zum Gleis einen
Blühstreifen an.
So entstand das Projekt nicht durch einen einzelnen Auftraggeber, sondern durch das Zusammenspiel vieler Menschen, Institutionen und Unternehmen.
Im Herbst 2019 wird angepackt
Nachdem die Genehmigungen vorlagen, konnte im
Herbst 2019 mit den ersten Arbeiten begonnen werden – selbstverständlich innerhalb des ökologisch zulässigen Zeitfensters.
Der überwucherte Bahnkörper wurde vorsichtig geöffnet. Gehölze wurden ausgelichtet, wuchernde Brombeeren entfernt und Müll beseitigt. Gleichzeitig entstanden die Flächen für die späteren Lern- und Informationselemente.
Für den zukünftigen Weg wurde ein Durchwurzelungsschutz eingebaut. Darauf kamen Mineralschotter und anschließend eine wassergebundene Oberfläche.
Auch an die spätere Beleuchtung wurde gedacht:
Westnetz unterstützte das Projekt mit einem Leerrohr für die Beleuchtung.
Doch Maschinen und Material allein machten noch keinen besonderen Ort daraus.
Es waren vor allem die
unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden, die aus den Planungen Wirklichkeit werden ließen.




Ein Weg für Wildbienen, Fledermäuse und Reptilien
Inhaltlich wurde das Projekt durch den
Verband Artenschutz in Franken (AiF) begleitet. Die Grundidee: Wer durch das Gleis der Artenvielfalt geht, soll nicht nur Natur sehen, sondern auch verstehen, was dort lebt und wie jeder selbst etwas für den Artenschutz tun kann.
Entlang des Weges entstand deshalb eine
„Achse des Artenschutzes“.
Der Gehölzbestand wurde aufgewertet und sogenannte
Artenschutzfenster geschaffen. Insgesamt entstanden später
acht Lehreinheiten, die sich unter anderem mit
Wildbienen, Fledermäusen und Reptilien beschäftigen.
Die einzelnen Stationen machen dabei auf unterschiedliche Lebensräume aufmerksam und zeigen zugleich, was sich mit relativ einfachen Mitteln auch im eigenen Garten umsetzen lässt.
Ein besonderes Beispiel dafür ist das von
Armin und David Walleneit errichtete
Reptiliarium. Trockenmauer, Lesesteine und Totholz zeigen dort anschaulich, wie man auch im eigenen Garten wertvolle Lebensräume für Reptilien und Insekten schaffen kann.
So wird aus einem Lehrpfad gleichzeitig eine praktische Einladung:
Artenschutz beginnt nicht irgendwo weit draußen – er kann direkt vor der eigenen Haustür stattfinden.


Gemeinsam mit den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern des VfGuH und von Schaephuysen Heimspiel wurde immer wieder angepackt.
Das Motto hätte dabei kaum treffender sein können:
„Ohne Fleiß kein Preis.“
Denn ein Projekt wie dieses entsteht nicht an einem Wochenende. Es sind die vielen kleinen Arbeitsschritte, die am Ende den Unterschied machen.
Acht Stationen zum Entdecken
Im September wurden schließlich die insgesamt
acht Lehreinheiten durch die Firma Oppel errichtet.
Kinder und Erwachsene können sich seitdem am Gleis der Artenvielfalt über verschiedene Bewohner unserer heimischen Natur informieren. Wildbienen, Fledermäuse und Reptilien stehen dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Frage, was jeder Einzelne zu ihrem Schutz beitragen kann.
Damit wurde der alte Bahnkörper nicht einfach nur begehbar gemacht.
Er wurde zu einem
Ort des Lernens und Entdeckens.
Ein Dank, der sichtbar bleibt
Bei einem Projekt, an dem so viele Menschen beteiligt sind, soll auch sichtbar bleiben, wer seinen Beitrag dazu geleistet hat.
Deshalb wurden die
Sponsoren und Unterstützer auf einem alten Betonklotz am Gleis verewigt.
Ganz oben thront das Symbol des Wandelwegs der Artenvielfalt:
die Eule.
Das dreidimensionale Kunstwerk wurde von
Michael Tönnis gefertigt.
Auch die
Deutsche Postcode Lotterie spielte eine entscheidende Rolle. Sie unterstützte das Projekt großzügig finanziell und machte damit einen wesentlichen Teil der Umsetzung möglich.
Bei der offiziellen Übergabe würdigte
Sascha Maas, Geschäftsführer der Deutschen Postcode Lotterie, das Engagement der Beteiligten und insbesondere die vielen ehrenamtlich geleisteten Stunden.

Ein besonderer Tag für Schaephuysen
Kurz vor dem ersten Corona-Lockdown konnte das Projekt unter den damals geltenden Regeln offiziell an die Bürgerinnen und Bürger übergeben werden.
Pünktlich um 11 Uhr wurde das Band durchschnitten.
Doch die Eröffnung war mehr als nur ein symbolischer Festakt.
Rund 80 Kinder und Jugendliche pflanzten an diesem Tag Nährgehölze und übernahmen dafür persönliche Patenschaften.
Damit wurde der Gedanke des Projektes direkt weitergetragen: Nicht nur über Artenvielfalt reden, sondern selbst etwas dafür tun.

Wenn Kunst auf Natur trifft
Das Gleis der Artenvielfalt entwickelte sich anschließend weiter.
Die Gruppe
„Kunst trifft Natur“ engagiert sich gemeinsam mit
Birgit Golitz am Wandelweg und bringt Kunstwerke in die Landschaft ein.
Die Kunst soll dabei nicht einfach neben der Natur stehen. Sie soll sich mit ihr verbinden, überraschen, zum Nachdenken anregen und den Blick auf die Umgebung verändern.
So wird aus dem alten Bahnkörper nach und nach ein Ort, an dem
Natur, Geschichte, Kunst und Menschen zusammenkommen.
Vom Gleis zum Wandelweg
Das Gleis der Artenvielfalt war dabei nie als isoliertes Einzelprojekt gedacht.
Aus der Idee rund um den alten Bahnkörper und den Trafoturm entwickelte sich nach und nach der
Wandelweg der Artenvielfalt.
Heute verbindet diese Idee ganz unterschiedliche Orte und Projekte miteinander: das Storchennest von Luzie, den Landwehrbach, den Generationenspielplatz, den Bürgergarten, Spalierobst, Bienenzucht, Nahrungshecken, Streuobstwiesen, öffentliche Grünflächen und viele weitere Stationen.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele einzelne Projekte nebeneinanderzustellen.
Es geht darum, sie miteinander zu verbinden und den Blick dafür zu öffnen,
wie vielfältig Natur, Dorfleben und Heimat miteinander verbunden sein können.
Das Gleis der Artenvielfalt ist dafür ein besonders schönes Beispiel.
Denn hier wurde aus einem verlassenen Bahnkörper etwas Neues geschaffen, ohne die Geschichte des Ortes zu vergessen.
Ein Projekt, das weiterlebt
Auch heute ist das Gleis der Artenvielfalt kein fertiges Projekt.
Natur verändert sich ständig – und damit verändert sich auch der Weg. Im Jahresverlauf sind immer wieder Pflegearbeiten notwendig. Gehölze müssen zurückgeschnitten, Flächen gepflegt und einzelne Elemente instand gehalten werden.
Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, mit anzupacken.
Der VfGuH freut sich deshalb über jede helfende Hand – ganz gleich, ob sie aus Schaephuysen kommt oder von außerhalb.
Denn vielleicht ist das die wichtigste Geschichte hinter dem Gleis der Artenvielfalt:
Ein einzelner Mensch hatte eine Idee.
Viele Menschen haben daraus ein Projekt gemacht.
Und eine ganze Dorfgemeinschaft kann heute davon profitieren.
Ein sichtbares Dankeschön
Ein Projekt dieser Größenordnung entsteht nicht allein durch Fördermittel. Es braucht Menschen, Unternehmen, Institutionen und Vereine, die Ideen unterstützen, Genehmigungen ermöglichen, Material bereitstellen oder selbst mit anpacken.
Deshalb wurde am Gleis der Artenvielfalt eine besondere
Dankestafel aufgestellt. Auf ihr sind die Unterstützer verewigt, die zur Entstehung dieses besonderen Ortes beigetragen haben.
Eine zentrale Rolle spielte die Deutsche Postcode Lotterie, durch deren großzügige Förderung die Umsetzung des Projektes überhaupt in dieser Form möglich wurde. Inhaltlich begleitet wurde das Vorhaben vom Verband Artenschutz in Franken, der den Gedanken der „Gleise der Artenvielfalt“ maßgeblich mitentwickelte.
Ebenso wichtig waren die
Gemeinde Rheurdt,
Schaephuysen Heimspiel e.V.,
Gartenvision Walleneit, die
NIAG und
Westnetz sowie die zahlreichen Unternehmen und privaten Unterstützer, die mit Leistungen, Material, Fachwissen oder finanzieller Unterstützung zum Gelingen beigetragen haben.
Auch
Familie Born und die
Familie Walz gehören dazu: Mit dem Blühstreifen entlang der Gleise und der gemeinsam gefundenen Lösung für die Bewässerung wurden ganz praktische Voraussetzungen für das Projekt geschaffen.
Und natürlich darf bei all diesen Namen eines nicht vergessen werden:
Der vielleicht größte Unterstützer war das Ehrenamt.
Unzählige Stunden wurden gerodet, geschaufelt, gepflanzt, gebaut, geplant, organisiert und gepflegt. Viele Arbeiten wurden nicht auf einer Rechnung festgehalten, sondern einfach gemacht.
Die Eule auf der Spitze der Tafel – gefertigt als dreidimensionales Kunstwerk von Michael Tönnis – steht heute sinnbildlich für diesen Wandelweg. Sie erinnert daran, dass aus einer alten, verlassenen Bahntrasse durch viele Hände ein lebendiger Ort für Natur, Artenvielfalt, Bildung und Begegnung geworden ist.
Das Gleis der Artenvielfalt ist damit auch ein Stück gelebte Dorfgemeinschaft.


